„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu“ – die Jahreslosung aus der Offenbarung nach Johannes ist ein Zuspruch. Sie tröstet Menschen in Not und Bedrängnis, verbreitet Zuversicht und macht Mut, mit Neugier und Gottvertrauen Schritte in die Zukunft zu gehen.
Die Jahreslosung ist aber auch eine Herausforderung. Weil es auch darum geht, gewohnte Wege zu verlassen und sich auf eine gänzlich neue Situation einzustellen. Das kann auch zu Verunsicherung führen und zu dem Gefühl von Verlust und Wehmut. Kein Wunder, wenn einem dann der Stoßseufzer auf den Lippen liegt: Muss das wirklich sein?
Die Kirche insgesamt und auch unser Kirchenkreis Nordfriesland stehen vor einer solchen Herausforderung oder besser: Wir stehen schon mittendrin. Gerade im letzten Jahr 2025 ist das deutlich geworden. Das lag besonders daran, dass es zeitweise 11 Pfarrstellen gab, die nicht besetzt waren. Die Kirchengemeinderäte in den betroffenen Gemeinden haben mit bewundernswertem Engagement die Arbeit weitergeführt, viele Ehrenamtliche haben sich verstärkt in den gemeindlichen Angeboten und teilweise auch in der Gottesdienstgestaltung engagiert und Pastorinnen und Pastoren haben mit großer Selbstverständlichkeit zusätzliche Aufgaben in der Vertretung übernommen. Ich finde es großartig, wie viel Miteinander und Hilfsbereitschaft es gab und gibt. Und wir werden mit Blick auf die Zukunft darauf aufbauen müssen.
Denn es gibt immer weniger Pastorinnen und Pastoren. Nach den gegenwärtigen Prognosen wird sich die Zahl der Pastorinnen und Pastoren in der Nordkirche bis 2036 nahezu halbieren (von ca. 1400 auf ca. 750/700). Deshalb machen wir schon jetzt die Erfahrung, dass sich auf Ausschreibungen keine Interessierten melden, beziehungsweise bewerben. Hinzu kommt, dass auch die finanziellen Mittel weniger werden. Bereits im Jahr 2025 hatte der Kirchenkreis Nordfriesland erhebliche Mindereinnahmen bei den Kirchensteuern zu verkraften. Die Prognosen für die kommenden Jahre lassen keine Verbesserung erwarten, die finanziellen Spielräume werden in der gesamten Landeskirche enger, also auch bei uns.
Ein wesentlicher Grund für die schwindenden Einnahmen ist – neben demografischen Faktoren – die bleibend hohe Zahl von Kirchenaustritten. Dieser Trend hängt mit einer dritten Entwicklung zusammen: Die Bedeutung von Kirche hat sich deutlich gewandelt. In unserem Kirchenkreis ist die Kirchlichkeit zwar noch stark verankert, aber auch wir merken, dass sich die „Nachfrage“ nach kirchlichen Angeboten verändert hat. Mich macht betroffen, dass mir Ehrenamtliche bei meinen Besuchen in den Kirchengemeinden erzählen, dass sie von Freunden und Kollegen gefragt werden: „Wieso bist Du noch immer bei dem Laden?“ Das tut weh.
Nehme ich all dies zusammen, dann steht für mich fest: Eine Kirche, aus der Jahr für Jahr mehr Menschen austreten und die trotzdem versucht, alle Angebote und das vertraute Gemeindeleben aufrechtzuerhalten, kann es nicht mehr geben. Das Bild der Ortskirchengemeinde mit Kirche, Gemeindehaus und Pastorat wird sich verändern. Wir werden uns von unseren bisherigen Vorstellungen von Kirche trennen müssen und ebenso von einige kirchliche Gebäude. Es wird auch nicht mehr die Pastorin oder den Pastor geben, die oder der nur für einen Ort zuständig und 24/7 ansprechbar ist.
Tiefgreifende Veränderungen also – aber auch ein Schritt auf dem Weg zu einer neuen Form von Kirche, da bin ich mir sicher. „Gott spricht: Siehe ich mache alles neu“ – ich nehme diese Verheißung im Blick auf unsere Kirche persönlich. Weil doch auch immer deutlicher wird, wie wertvoll unser christlicher Glaube, das Vertrauen auf und die Ehrfurcht vor Gottes Gegenwart, die Orientierung an Worten und Wirken Jesu und die Freude an der Fülle des Heiligen Geistes, für das Zusammenleben von Menschen und für das Leben jedes einzelnen ist. Wir haben als Kirche etwas zu sagen und zu wagen!
Lassen Sie uns dazu gemeinsam auf den Weg machen. Lassen wir uns leiten von dem Bild einer Kirche, die in vielfältigen Formen Gemeinde und Gemeinschaften bildet. Einer Kirche, die sich an der Region orientiert. Einer Kirche, die viele Gesichter hat – von haupt- und ehrenamtlichen Menschen. Wo manches improvisiert ist, wo mutig experimentiert wird und in der vor allem Freude herrscht. Und in der die christliche Überzeugung von Gottes Menschenliebe und von der Würde eines jeden Menschen wieder eine größere Rolle spielt und weniger die Ansicht, dass Kirche einfach irgendwie dazu gehört. Vor allem wird es aus meiner Sicht eine Kirche sein, die sehr viel deutlicher als früher merkt, mit wem sie es zu tun haben, wenn sie bekennt: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer…“ – nämlich mit dem dreieinigen Gott, der seine Menschen in Bewegung bringt, weil er sagt: „Fürchtet euch nicht!“, aber auch: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege“ (Jes 55,8). Ich bin sicher, dass es gute Gedanken sind, die Gott für uns hat. Und dass es gute Wege sein werden, die wir gemeinsam finden.

