St. Christophorus zu ViölSt. Christophorus zu Viöl

Vor gut 850 Jahren wurde diese Kirche erbaut als Haus Gottes, ein Raum der Begegnung, ein Raum des Glaubens. Die Kirche erzählt von den Menschen, die diese Kirche gebaut und gestaltet haben, von den Menschen, die hoffnungsvoll und fröhlich gekommen sind oder verzagt und voller Trauer. Die Kirche erzählt von Gott und seiner Geschichte mit den Menschen, von seiner Menschwerdung in Jesus Christus, zentral im Altarbild festgehalten. Die Kunstwerke predigen vom Weg, den Gott mit seinen Menschen gegangen ist, von der Schöpfung bis auf den heutigen Tag.

Ursprünglich wurde die Viöler Kirche aus Feldsteinen errichtet. Davon zeugt das Südportal, wo noch alte Mauerreste vorhanden sind. Über der Südertür findet sich das aus einem großen Granitfindling herausgehauene Kreuz des Typanons. Es hat großen Seltenheitswert und dürfte die einzige romanische Granitplastik dieser Art weit über Nordfriesland hinaus sein.Griechisches Kreuz

Das griechische Kreuz auf dem Typanon ist das Wahrzeichen der oströmischen Kirche in Byzanz gewesen. Es darf vermutet werden, daß es über die Handelswege der Wikinger, also über Haitabu, seinen Weg nach Viöl gefunden hat. Dieses Kreuz ist ein Indiz für die sehr frühe Errichtung der Viöler Feldsteinkirche.

Ab 1150 kam in unserer Gegend der Backsteinbau auf. Lehm war ausreichend im "Pölker" vorhanden, und auch das Ziegelbrennen konnte vor Ort stattfinden. So wurde die Kirche neu in Backstein errichtet. Ob sie zuvor baufällig geworden war, ein Brand sie zerstört hatte oder die Viöler schlicht mit der Zeit gehen wollten, liegt im Dunkeln.

Am Gesamtbauwerk lassen sich folgende Bauabschnitte nachweisen: Die Feldsteinkirche um 1100, Backsteinschiff und Chor um 1200, das Karnhaus um 1300 und um 1450 der Westturm. Das Schiff ist romanisch, das Karnhaus und der Turm sind gotisch. Der mit Rundbögen versehene romanische Chor hat ein gotisches Kreuzrippengewölbe. Dies mag auf eine in gotische Zeit notwendig gewordene Erneuerung des Gewölbes zurückzuführen sein.

Das KarnhausKarnhaus

Die südliche Vorhalle ist später an den Chor angebaut worden und wird Karnhaus genannt. Ein Teil eines zugemauerten romanischen Fensters lugt noch hinter dem Dach hervor. Der Name leitet sich vom althochdeutschen Wort chara ab, das Trauer, Klage bedeutet. Charen heißt büßen.

In katholischer Zeit standen im Vorhaus die Büßenden und legten dort die Beichte ab, bevor sie zum heiligen Abendmahl den Chorraum betraten. Die Wöchnerinnen (Wüffe) hielten sich beim ersten Kirchgang mit ihrer Begleitfrau dort auf, um vor dem Betreten der Kirche und dem Ablegen ihres Dankopfers beim Altarrundgang vom Pastor eingesegnet zu werden. Wer nicht getauft war durfte die Kirche nicht betreten. Deshalb soll der Taufstein ursprünglich im Karnhaus seinen Platz gehabt haben, und die Kinder (Beerne) wurden dort getauft. Vereinzelt wurden auch Tote (Likken) dort aufgebahrt.

Im Viöler Karnhaus war bis 1971 die Inschrift Sankt Katharina angebracht. Sie gehört wie Christophorus zu den 14 Nothelfern und war die Schutzheilige der Wöchnerinnen. In Viöl kann das Wort Karnhus auch als Abkürzung für Katharinenhaus gedeutet werden. Im Karnhaus befindet sich ein schön gestaltetes Fenster mit einer Darstellung der Geburt Jesu.

Turm, TurmuhAlte Glocker und GlockenTurm

Der mit dem Schiff fluchtende wuchtige Westturm ist eine spätgotische und letzte Erweiterung des Kirchengebäudes. Mit einem hohen, breiten Spitzbogen öffnet er sich zum Dachraum des Schiffes hin und ist in seinen Ansätzen links und rechts von der Orgel zu sehen.

Die in alle vier Himmelsrichtungen abgetreppt hinausgehenden Schallöffnungen sind ebenfalls spitzbogenförmig. Der Turm besteht zu zwei Drittel seiner Höhe aus einfachen Feldsteinen. 1699 wurde das oberste Drittel aus behauenen Granitquadern neu errichtet.

Seit 1960 ist der Turm durch eine kostspielige Turmuhr geschmückt, die von der Viölerin Frerkens Anne gestiftet wurde. 1973, zu Pastor Johannes Hansens Amtszeit, erhielt die Kirche eine zweite Glocke mit der Inschrift ,,Ihr Glocken tönt hochfestlich drein." Die alte, große Glocke wurde 1785 in Rendsburg gegossen. Neben den Namen von Christian VII., König von Dänemark und Norwegen, und der Kirchenvorsteher trägt sie in großen erhabenen Lettern den Spruch:  ,,Ich rufe zum Gebet und lehr` die Sterblichkeit, / folg'  Hörer meinem Ruf und nutz die Gnadenzeit".

Empore und OrgelOrgel

Die meisten Menschen, die die Kirche betreten, sind von den warmen Farben der Backsteinwände und der Vielfalt der bildlichen Darstellungen an der Empore beeindruckt.

Die Empore, die sich dekorativ und harmonisch in den Kirchenraum einfügt, hat erst im Laufe der Zeit die heutige Gestalt erhalten. Ursprünglich gab es nur eine Südempore, die als Aufgang zur Kanzel diente, welche ihren Platz vor der Mitte der Südwand hatte, etwa in Höhe des zugemauerten romanischen Fensters.

Seit Anfang des 17. Jahrhunderts bestand vor dem Turmbogen, quer durch das Schiff, eine schmale Westempore. 1695 wurden die 13 Emporefelder mit Christus und den 12 Aposteln bemalt. 1733 wurde die Nordempore gebaut und bald danach mit 19 Bildern geschmückt. Sie stellen neben Adam und Eva die Geschichte Jesu bis zu Himmelfahrt und Pfingsten dar.Luther in Viöl

Besonders beeindruckend das eingefügte Lutherbild mit Schwan vor der Viöler Kirche. Im Jahre 1529 ist die Viöler Gemeinde evangelisch geworden.

Als die Kirche 1888 ihre Marcussen-Orgel bekam (1994 zu Ostern neu eingeweiht nach Überarbeitung von Fa. Paschen), wurde die Westempore bis zur Westwand des Turmes erweitert und mit der Nordempore verbunden. Dabei wurden sieben Bilder der Westempore auf die Brüstung der Nordempore ausgefluchtet.

1922 wurden sieben Bilder um dreiviertel Meter zurückverlegt um die Empore nicht soweit in den Chorbogen hineinragen zu lassen. Dahinter befindet sich ein vergitterter Logenstuhl, zuletzt des Conrad und Jan Peters aus Akebro. Die Wangen dieses Gestühls aus dem Jahre 1837 zierten bis 1970 alle Kirchenbänke.

TaufsteiTaufsteinn und Viöler Madonna

Das älteste Stück unserer Kirche ist der Taufstein, der gewiß schon in der Feldsteinkirche seinen Platz hatte. Mit viel Geschick und Hingabe, im Glauben begründet, wurde aus zwei großen Granitfindlingen, die das Eis vor Tausenden von Jahren aus Schweden hierhergetragen hatte, dieses Kunstwerk der Romantik herausgemeißelt. Die zylindrische, ein wenig konische Kuppa ruht auf einem kurzen kannelierten Schaft über achteckigem Fuß. Cuppa und Fuß enthalten ein Flachornament aus Arkaden. Die Granittaufe hat ihren sinnvollen Platz vor der Nische mit Maria und Kind.Viöler Madonna

Als frühes Holzschnittskunstwerk hat die "Viöler Madonna" im europäischen Raum Berühmtheit erlangt. Ein Meister der Hochgotik aus Nordfrankreich schuf um 1280 diese thronende Mutter Gottes mit Kind. An holzgeschnitzten thronenden Madonnen sind weiterhin aus Nordfriesland nur noch die Maria von Olderup und von Humptrup erhalten.

Gegenüber der überaus schlichten, archaisch strengen Gestalt der Olderuper Muttergottes ist die Viöler Madonna in ihrer königlichen Haltung geprägt von erhabener Würde und Schönheit. Ihr Antlitz darf, und nicht nur zeitlich, in die Nähe des Angesichts der Uta im Naumburger Dom gerückt werden. Der Maria fehlt der rechte Unterarm mit Hand, die das Lilienzepter trug, dem Kinde die linke Hand mit Reichsapfel als Symbol der Weltherrschaft sowie die rechte Segenshand.

Seit 1901 wird die Viöler Madonna an hervorragender Stelle im Flensburger Museum und die Olderuper im Landesmuseum in Schleswig ausgestellt. Bei der in der Viöler Kirche ausgestellten Madonna handelt es sich um eine hervorragend erstellte Nachbildung, die dem Original an Detailtreue in nichts nachsteht.

Das TriumpfkreuzTriumphkreuz

Das gotische Triumpfkreuz ist 700 Jahre alt, kunstvoll geschnitzt, mit dreiteiligen Blättern umrandet. Es findet heute seinen Platz im Chorbogen. Der neue Corpus wurde um 1460 geschnitzt. Die 4 Endscheiben sind erst 1923 angebracht worden. Sie enthielten die 4 Evangelistensymbole. Die Augen Christi sind geschlossen. Bis 1450 stellte man den Gekreuzigten mit geöffneten Augen, also kurz vor seinem Hinscheiden dar.

 Der AltarAltar

Der im Laufe der Zeit mehrfach umgestaltete, schlichte gotische Schreinaltar stammt aus der Zeit um 1460. Im Mittelschrein hatten die Holzschnittsfiguren "stehende Maria mit Kind" "Christophorus" und "Jacobus major", die heute die Südwand zieren, ihren Platz. 

Die beiden Altarflügel, die früher als Schreintüren dienten, sind durch 12 holzgeschnitzte Apostelfiguren schön geschmückt. Bereits 1529, 12 Jahre nach Luthers 95 Thesen, hat Nikolaus Pernow, der erste evangelische Viöler Pastor, seinen Onkel Johannes Pernow verdrängt, nachdem dieser zuletzt nur noch den leeren Bänken vorgepredigt hatte.

Vom neuen Glauben beseelt, warf man kurzerhand die drei Schnitzwerke aus dem Altarschrein, die Viöler Madonna und die Anna Selbdritt auf den Kirchenboden, wo sie nach Jahren in beschädigtem Zustand wieder hervorgeholt wurden. Der Schrein wurde mit Brettern zugenagelt und mit einer schlechten Darstellung der Geburt Christi bemalt. Im 17. Jahrhundert erhielt der Altar allerlei Beiwerk aus Renaissanceaufsätzen mit ovalen Schriftfeldern, Rollwerk und Fruchtbündeln. Das Mittelstück bekam eine Krönung in Gestalt eines Auferstehungsbildes. Allzu verschnörkelte Verzierungen sind 1970 wieder beseitigt worden. Im Jahre l889 malte der in Bredstedt gebürtige Kunstmaler Christian Carl Magnussen (1821-1896) das jetzige Altarbild in Öl auf Tannenholz. Als Vorbild diente ihm die ,,Anbetung der Hirten", ein Gemälde des spanischen Malers Juisepe da Ribera (1590-1652), das er zuvor bereits im Louvre in Paris für einen Hamburger Altar kopiert hatte. 1888 gestaltete Carl Ludwig Jessen (1833-1917) die Predella neu mit einem Abendmahlsbild, wobei ihm Gesichter zeitgenössischer Nordfriesen als Vorbild für die 12 Jünger dienten. Das Maßwerk über den 12 Statuetten wurde erst 1923 nach einem Vorbild im Landesmuseum in die Altarflügel hineingebracht.

Die KanzelKanzel

Die formschöne Kanzel stammt aus dem 16. Jahrhundert und gehört zu den ältesten im Lande. Charakteristisch für ihre gotische Formgebung ist die überaus schlichte, quergeteilte Brüstung und der freihängende sechsrippige Fuß als Konsolenabschluß. Die Brüstung war ursprünglich geziert mit geschnitztem gotischen Flechtwerk, wie man es heute in der Nachbildung nach vorgefundenen Reststücken links und rechts an der Brüstung vorfindet.  1695 hat man die damals nur vierteilige Brüstung bemalt und an den Unterhängen mit Bibelversen versehen.

In der oberen Bildreihe sind die vier großen Propheten Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel dargestellt. Über die Bedeutung der zugehörigen vier Symbole, ,,glühende Kohle", ,,siedender Topf”, ,,Brief aus Engelshand" und ,,Löwe in der Löwengrube" berichtet das Alte Testament. Die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes mit ihren Symbolen ,,Engel",  ,,Löwe”, ,,Stier” und ,,Adler" nehmen die untere Bildreihe ein.

Um 1888 besaß die Kanzel noch einen geschnitzten Schalldeckel.

Die handgeschmiedete Halterung der Sanduhr mit vier Gläsern trägt die Jahreszahl 1671. Das Hufeisen weist auf die Schmiede hin, in der die Halterung erstellt wurde.

Kronleuchter und mehrPredigertafel

Zwei Kronleuchter für den Mittelgang, 1908 von der Viöler Sparkasse gestiftet, sind 1944 für Rüstungszwecke abgeliefert worden. 1990 konnten neue Kronleuchtereingeweiht werden, die mit Hilfe der Partnergemeinde in Polen erstellt worden waren.

Auf der Rückseite der Altarflügel befinden sich zwei Kreideskizzen von 1923, ,,der gute Hirte" und “St. Christophorus”.

Wie die untere Wand des Schiffes wurde 1923 auch der Chorbogen aus Kalk und Tünche freigelegt, so daß sein Fugenspiel, bestehend aus Flachreihe, lange Steine und Rolle, nun schön vor Augen liegt  In den alten Farben restauriert wurde 1970 das imitierte Teppichpaneel, das ursprünglich dem bis 1970 bestehenden Kastengestühl an der Nord- und Südwand des Chores in Gestalt wirklichen Gewebes etwas Rückenwärme gab. Die alten Krabben im Chorgewölbe wurden 1970 übertüncht, wie auch umrahmte Bibelsprüche an der Schiffssüdwand. Einer der nächsten Restauratoren wird vielleicht diese sowie auch das Wort ,,Sankt Katharina" über der Kamhaustür als Attraktion wieder freilegen.

Der Pastorenstuhl in der Nordwestecke des Chorraumes diente in katholischer Zeit als Beichtstuhl. Das hölzerne Dreieck umrahmte das Auge Gottes.

Zwei Pastorengemälde hängen an der Nordwand des Schiffes. Im 17.Jahrhundert war Frabricius 55 Jahre und Florentius 58 Jahre in Viöl im Amt. Seit 1389 liegen die Namen der 31 Viöler Pastoren und der 12 Diakone lückenlos vor und sind auf der Pastorentafel verzeichnet. Bis 1460 wohnte der Prediger auf der Scheide zwischen seinem Bohl in Haselund und in Viöl, hart ostwärts der Straße nach Haselund, wo der Bach den Weg kreuzt. Weil dem Pfarrer Michael im Alter das Gehen beschwerlich geworden war, baute man ihm 1460 ein Haus mit Wirtschaftsgebäude an der Stelle des heutigen Pastorats in Viöl.