Fortsetzung der Baugeschichte und Sehenswürdigkeiten in der Viöler Kirche


Baugeschichte

Schon zur Zeit Kaiser Karls des Großen, also um 800, begann die Christianisierung nördlich der Elbe. Im Jahr 1066 wurde das schwedische Bistum Lund vom Papst zum Erzbistum erhoben und ihm wurden die schon bestehenden Bistümer Ripen und Schleswig unterstellt. Von der schwedischen Stadt Lund aus, dem Sitz des Erzbischofs, erfolgte der weitere Ausbau der christlichen Mission und die Gründung neuer Kirchen. Ab etwa 1150 wurden die heute noch bestehenden Feldsteinkirchen Olderup, Drelsdorf, Joldelund, Bordelum und Viöl errichtet. Neben dem Bau aus unbehauenen Feldsteinen entwickelte sich im Laufe des 12. Jahrhunderts in Jütland und im Landesteil Schleswig der Granitquaderbau. Das Behauen der Felsblöcke erforderte enorme Anstrengung und vorzügliches Werkzeug. Doch gegen Ende des Jahrhunderts setzte sich ein neuer Baustoff durch, der Backstein. Die Fähigkeit, Ton zu Ziegeln zu brennen, ist Jahrtausende alt. Bemerkenswert ist, daß sich im 12. Jahrhundert ein einheitliches Format dieses Formsteins etablierte, das jede Ziegelei landauf, landab übernahm: das sogenannte Klosterformat. Für den mittelalterlichen Baubetrieb stellte das einen enormen Fortschritt dar. Bereits in Feldstein- oder Quaderbauweise begonnene Kirchen wurden nun mit Ziegeln vollendet, erweitert oder ausgebessert. Insbesondere die Herstellung konstruktiv schwieriger Teile, wie Fenster- und Türbögen, wurde durch die Backsteinbauweise erleichtert. So auch in Viöl.

Am Gesamtbauwerk lassen sich folgende Bauabschnitte nachweisen:
Die Feldsteinkirche um 1100, Backsteinschiff und Chor um 1200, das Karnhaus um 1300 und um 1450 der Westturm. Das Schiff ist romanisch, das Karnhaus und der Turm sind gotisch. Im Tympanon der Südertür findet sich das aus einem großen Granitfindling herausgehauene Kreuz. Es hat großen Seltenheitswert und dürfte die einzige romanische Granitplastik dieser Art weit über Nordfriesland hinaus sein. Der mit Rundbögen versehene romanische Chor hat ein gotisches Kreuzrippengewölbe. Dies mag auf eine in gotische Zeit notwendig gewordene Erneuerung des Gewölbes zurückzuführen sein.

Karnhaus
An den Chor der Viöler Kirche wurde um 1300 das Karnhaus im gotischen Stil angebaut. Mit diesem Vorhaus erweiterte sich der Kirchenraum und gliedert sich in Schiff, Chor und Vorhalle. Die „Presterdöör“ verbindet das Vorhaus mit dem Chor.

In katholischer Zeit standen im Karnhaus die Büßenden und legten dort die Beichte ab (althochdeutsch: chara – Trauer, Klage, Buße, woher vermutlich der Name stammt), bevor sie zum heiligen Abendmahl den Chorraum betreten durften. Die Wöchnerinnen hielten sich beim ersten Kirchgang mit ihrer Begleitfrau dort auf, um vor dem Betreten der Kirche und dem Ablegen ihres Dankopfers beim Altarrundgang vom Pastor eingesegnet zu werden. Im Viöler Karnhaus war bis 1971 die Inschrift Sankt Katharina angebracht. Sie gehört wie Christophorus zu den 14 Nothelfern und war die Schutzheilige der Wöchnerinnen. In Viöl kann das Wort Karnhus auch als Abkürzung für Katharinenhaus gedeutet werden. Im Karnhaus befindet sich ein schön gestaltetes Fenster mit einer Darstellung der Geburt Jesu.


Turm, Uhr und Glocken
Der Mitte des 15. Jahrhunderts errichtete Westturm öffnet sich vom Glockenboden aus nach allen vier Himmelsrichtungen mit spitzbogigen in Backstein ausgeführten Luken. Zu zwei Drittel seiner Höhe besteht der Turm aus einfachen Feldsteinen. 1699 wurde das oberste Drittel aus behauenen Granitquadern neu errichtet.

Die alte, große Glocke wurde 1785 in Rendsburg gegossen, nachdem die Glocke von 1589 zweimal Mitte des 18. Jahrhunderts geborsten war und umgegossen werden musste. Sie tönt in f´. Neben den Namen von Christian VII., König von Dänemark und Norwegen, und der Kirchenvorsteher trägt die große Glocke in großen erhabenen Lettern die folgenden Sprüche: „Um andere zu bewegen, musst du dich selbst erst bewegen.“
– „Ich rufe zum Gebet und lehr` die Sterblichkeit, / folg‘ Leser meinem Ruf und nutz die Gnadenzeit“. Seit 1960 ist der Turm durch eine Turmuhr geschmückt, die von der Viölerin Frerkens Anne gestiftet wurde. 1973, zu Pastor Johannes Hansens Amtszeit, erhielt die Kirche eine zweite Glocke mit der Inschrift ,,Ihr Glocken tönt hochfestlich drein.“ Sie klingt in as´.


Emporen und Orgel
Die meisten Menschen, die die Kirche betreten, sind von den warmen Farben der Backsteinwände und der Vielfalt der bildlichen Darstellungen an der Empore beeindruckt. Die Empore, die sich dekorativ und harmonisch in den Kirchenraum einfügt, hat erst im Laufe der Zeit die heutige Gestalt erhalten. Ursprünglich gab es nur eine Südempore, die als Aufgang zur Kanzel diente, welche ihren Platz vor der Mitte der Südwand hatte, etwa in Höhe des zugemauerten romanischen Fensters. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts bestand vor dem Turmbogen, quer durch das Schiff, eine schmale Westempore. 1695 wurden die 13 Emporenfelder mit Christus und den zwölf Aposteln bemalt. 1733 wurde die Nordempore gebaut und bald danach mit 19 Bildern geschmückt. Sie stellen neben Adam und Eva die Geschichte Jesu bis zu Himmelfahrt und Pfingsten dar. Besonders beeindruckend ist das eingefügte Lutherbild mit Schwan vor der Viöler Kirche. Im Jahre 1529, also bereits zwölf Jahre nach dem Bekanntwerden der 95 Thesen Martin Luthers, ist die Viöler Gemeinde evangelisch geworden, als Nikolaus Pernow, der erste evangelische Viöler Pastor, seinen Onkel Johannes Pernow verdrängte, nachdem dieser zuletzt nur noch den leeren Bänken vorgepredigt hatte.

Als die Kirche 1888 ihre Marcussen-Orgel bekam (1994 zu Ostern nach Überarbeitung neu eingeweiht), wurde die Westempore bis zur Westwand des Turmes erweitert und mit der Nordempore verbunden. Dabei wurden sieben Bilder der Westempore auf die Brüstung der Nordempore ausgefluchtet. 1922 wurde der östlichste Teil der Nordempore in einer Breite von sieben Bildern um einen dreiviertel Meter zurückverlegt, um die Empore nicht so weit in den Chorbogen hineinragen zu lassen. Dort oben befindet sich ein vergitterter Logenstuhl, zuletzt des Conrad und Jan Peters aus Ackebroe. Die Wangen dieses Gestühls aus dem Jahre 1837 zierten bis 1970 alle Kirchenbänke.


Taufstein und Viöler Madonna
Als das älteste Kunstwerk der Viöler Kirche gilt der Taufstein.
Er ist im 13. Jahrhundert aus Granit gefertigt worden. Sein Fuß ist achteckig (ein Quadrat mit abgestumpften Ecken). Der Schaft ist gerippt und verjüngt sich nach oben. Die zylindrische, ein wenig konische Cuppa ruht darauf. Die Granittaufe hat ihren Platz vor der Nische mit der „Viöler Madonna“.

Als frühes Holzschnitzkunstwerk hat diese „Viöler Madonna“ im europäischen Raum Berühmtheit erlangt. Ein Meister der Hochgotik aus Nordfrankreich schuf um 1280 diese thronende Mutter Gottes mit Kind. An holzgeschnitzten thronenden Madonnen sind weiterhin aus Nordfriesland nur noch die Maria von Olderup und von Humptrup erhalten. Gegenüber der überaus schlichten, archaisch strengen Gestalt der Olderuper Muttergottes ist die Viöler Madonna in ihrer königlichen Haltung geprägt von erhabener Würde und Schönheit. Ihr Antlitz darf, und nicht nur zeitlich, in die Nähe des Angesichts der Uta im Naumburger Dom gerückt werden. Der Maria fehlt der rechte Unterarm mit Hand, die das Lilienzepter trug, dem Kinde die linke Hand mit Reichsapfel als Symbol der Weltherrschaft sowie die rechte Segenshand. Seit 1901 wird die Viöler Madonna im Flensburger Museum und die Olderuper im Landesmuseum in Schleswig ausgestellt. Bei der in der Viöler Kirche ausgestellten Madonna handelt es sich um eine hervorragend erstellte Nachbildung, die dem Original an Detailtreue in nichts nachsteht.


Altar
Wahrscheinlich ist der aus Feld- und Backsteinen aufgemauerte einfache Altarblock so alt wie die Kirche selbst. Er war ursprünglich freistehend, die obere Platte, die Mensa, war mit Mörtel überdeckt. Bei den Umbauarbeiten 1922 wurde der Altarblock geöffnet. Man fand in der Mitte der Altarplatte zwischen Kalkbrocken ein Reliquienkästchen. Es war aus Blei, schlecht gearbeitet, sein Deckel war vom Kalk bereits teilweise zerstört. In diesem Kästchen fanden sich einige Weihrauchkörner, fünf größere und ebenso viele kleinere Knochenstückchen (zusammen etwa 5 Gramm schwer), und drei sehr verwitterte bunte Seidenläppchen. Auf einem war in Rot und Geld ein Hundemuster dargestellt. Des Weiteren lag darin ein Stückchen Pergament von drei mal drei Zentimeter mit fast zerstörten Schriftspuren, aber keine Urkunde über die Kirche oder die Reliquien oder dergleichen. Das Bleikästchen wurde mit allem Inhalt erneut verschlossen und am alten Platz unter der Mitte der Mensa wieder eingemauert. Eine vorgefertigte Reliquiengruft ließ sich nicht entdecken.

Der schlichte gotische Flügelschrein am Altar entstand etwa 1460. Er wurde mehrfach umgestaltet. In seinem Mittelschrein standen bis zur Reformation die Holzschnitzwerke von der Maria mit dem Kind, Jacobus major und von Christophorus, die heute an der Südwand zu sehen sind.

Vom neuen reformatorischen Glauben beseelt, warf man kurzerhand die drei Schnitzwerke aus dem Altarschrein sowie die beiden Werke „Viöler Madonna“ und die „Anna Selbdritt“ auf den Kirchenboden, wo sie erst nach Jahren in beschädigtem Zustand wieder hervorgeholt wurden. Der Schrein wurde mit Brettern zugenagelt und ein Bild der Kreuzigung Christi aufgebracht. Da die Darstellung wohl nicht sehr gelungen war, wurde 1888 der aus Bredstedt gebürtige Kunstmaler Christian Carl Magnussen (1821-1896) mit einer neuen Darstellung beauftragt. 1889 malte er das jetzige Altarbild in Öl auf Tannenholz. Es handelt sich um eine durch zwei Figuren ergänzte Kopie der ,,Anbetung der Hirten“, eines Gemälde des spanischen Malers Juisepe de Ribera (1590-1652), das Magnussen zuvor bereits im Louvre in Paris für einen Hamburger Altar kopiert hatte.

Die beiden Altarflügel, die früher als Schreintüren dienten, sind durch zwölf holzgeschnitzte schlanke gotische Apostelfiguren in zwei Etagen geschmückt. Das hölzerne Maßwerk, das scheinbar die 12 Statuetten beschirmt, wurde erst 1923 in die Altarflügel hineingebracht. Auf der Rückseite der Seitenflügel befinden sich Kreideskizzen des Malers Jensen aus Garding mit dem Bild des guten Hirten und des heiligen Christophorus, dazu auch eine Schrifttafel. Von eben diesem Maler Jensen wurden die 12 Apostelfiguren in Farbe gefasst. Im 17. Jahrhundert erhielt der Altar allerlei Beiwerk aus Renaissanceaufsätzen mit ovalen Schriftfeldern, Rollwerk und Fruchtbündeln. Das Mittelstück bekam eine Krönung in Gestalt eines Auferstehungsbildes. Allzu verschnörkelte Verzierungen sind 1970 wieder beseitigt worden. 1888 gestaltete Carl Ludwig Jessen (1833-1917) die Predella neu mit einem Abendmahlsbild, wobei ihm Gesichter zeitgenössischer Nordfriesen als Vorbild für die zwölf Jünger dienten.

Kanzel
Die formschöne spätgotische Kanzel stammt aus dem 16. Jahrhundert und gehört zu den ältesten im Lande. Bis 1837 stand sie an der Südwand zwischen den großen Fenstern. Danach wurde sie an ihren jetzigen Standort in der Südostecke des Kirchenschiffs gebracht. Charakteristisch für ihre gotische Formgebung ist die überaus schlichte, quergeteilte Brüstung und der freihängende sechsrippige Fuß als Konsolenabschluß. Die Brüstung war ursprünglich geziert mit geschnitztem gotischen Flechtwerk, wie man es heute in der Nachbildung nach vorgefundenen Reststücken links und rechts an der Brüstung vorfindet. 1695 hat man die damals nur vierteilige Brüstung bemalt und an den Unterhängen mit Bibelversen versehen.
In der oberen Bildreihe sind die vier großen Propheten Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel dargestellt. Über die Bedeutung der zugehörigen vier Symbole, ,,glühende Kohle“, ,,siedender Topf”, ,,Brief aus Engelshand“ und ,,Löwe in der Löwengrube“ berichtet das Alte Testament. Die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes mit ihren Symbolen ,,Engel“, ,,Löwe”, ,,Stier” und ,,Adler“ nehmen die untere Bildreihe ein. Um 1900 besaß die Kanzel noch einen geschnitzten Schalldeckel, der dann entfernt wurde. Die handgeschmiedete Halterung der Sanduhr trägt die Jahreszahl 1671. Das Hufeisen weist auf die Schmiede hin, in der die Halterung erstellt wurde. Diese Uhr diente einerseits dazu, zu überwachen, dass der Prediger seine Sache, für die er bezahlt wurde, auch erfüllte, andererseits um zu verhindern, dass die Bevölkerung durch zu lange Predigten zu lange von ihrer Arbeit abgehalten würden. Die Uhr wurde im Ganzen gedreht, die Durchlaufzeit der Gläser war verschieden lang, so dass der Prediger dies als Orientierung für die Struktur seiner Predigt verwenden konnte.


„Dies und das“
Das Triumphkreuz findet heute seinen Platz im Chorbogen. Das 205cm hohe eichene Kreuz stammt aus dem 13. Jahrhundert. Der Corpus Christi (mit geschlossenen Augen) wurde um 1460 geschnitzt. Bis 1450 stellte man den Gekreuzigten mit geöffneten Augen, also kurz vor seinem Hinscheiden dar. Die vier Endscheiben, die die Symbole der vier Evangelisten zeigten, sind erst 1923 angebracht worden. Bei der Renovierung 1970 wurden manche Wandmalereien freigelegt und restauriert, während andere übertüncht wurden und auf ihre Freilegung durch Restauratoren warten, wie das „Sankt Katharina“ über der Karnhaustür. Der Pastorenstuhl in der Nordwestecke des Chorraumes diente in katholischer Zeit als Beichtstuhl. Das hölzerne Dreieck umrahmte das Auge Gottes. Zwei Gemälde langgedienter Pastoren hängen an der Nordwand des Schiffes. Im 17. Jahrhundert waren der Pastor Paulus Fabricius 55 Jahre und der Diakon Florus Florentius 58 Jahre in Viöl im Amt.

Seit 1389 liegen die Namen der Viöler Pastoren und der Diakone lückenlos vor und sind auf der Pastorentafel auf der Nordempore für die Zeit ab der Reformation verzeichnet. 1908 wurden zwei große Messingkronleuchter von der hiesigen Sparkasse gestiftet und strahlten anfangs mit Kerzenlicht. 1925 kam elektrischer Strom ins Kirchenhaus. 1944 mussten die Leuchter für Rüstungszwecke abgeliefert werden. 1990 konnten neue Kronleuchter eingeweiht werden, die mit Hilfe der Partnergemeinde in Polen erstellt worden waren.